Dr. Andrea Lambeck, Geschäftsführerin der Plattform Ernährung und Bewegung e.V. (peb), sieht in ihrem Beitrag die Bequemlichkeit der modernen Gesellschaft als wesentlichen Grund für den Anstieg von Übergewicht in Deutschland.

Unser Körper braucht Energie – gezählt in Kalorien, tagtäglich rund um die Uhr, z. B. um zu atmen, das Blut von Kopf bis Fuß zirkulieren zu lassen, den ganzen Körper auf eine angenehme Körpertemperatur zu erwärmen und den Stoffwechsel in Schwung zu halten. Aber auch um eine aufrechte Haltung einzunehmen, um zu denken oder um uns zu bewegen.

Diese Energie nehmen wir mit der Nahrung auf – idealerweise genauso viel, wie wir verbrauchen. Dann ist die Energiebilanz ausgeglichen.

Unser Leben ist sehr bequem geworden, so kann es leicht passieren, dass nur sehr wenig Energie für die alltäglichen Aktivitäten verbraucht wird. Überschüsse speichern wir dann automatisch in Reservepolstern. Pfund um Pfund! Wer seine Ernährung einem inaktivem Lebensstil anpassen will, muss sich mit relativ geringen Mengen an Essen und Trinken begnügen. Wer sich wenig bis gar nicht bewegt, dem stehen nur sehr kleine Portionen von allen Köstlichkeiten zu. Um nicht zuzunehmen gilt es sehr kalorienarme Speisen auszuwählen und sich bei vielen Genüssen zu kasteien – das kann man durchaus als Einschränkung empfinden. Eine andere Möglichkeit als die Ernährung einem inaktiven Lebensstil anzupassen, ist auf der Energieverbrauchsseite zu pushen und die Bilanz so auf einem höheren Niveau im Gleichgewicht zu halten. Denn wer sich mehr bewegt, verbrennt nicht nur mehr Energie für die jeweilige Bewegung, sondern der baut auch Muskulatur auf, und die verbrennt sogar im Ruhezustand mehr Kalorien als die „träge“ Fettmasse.

Der zunehmende Anteil übergewichtiger Menschen ist ein Resultat eines nicht ausgeglichenen Energiehaushalts. Unser Lebensstil ist geprägt durch technische Errungenschaften, die uns viel – v.a. körperliche – Arbeit abnehmen. Schon das Freizeitverhalten von Kindern und Jugendlichen weist bei einem gleichzeitig erhöhten Medienkonsum einen deutlichen Rückgang an Bewegung auf – sowohl in Form von Alltagsbewegung als auch in Form von Sport. Erschreckend sind in diesem Zusammenhang die Zahlen, dass bereits etwa ein Viertel der Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter nicht regelmäßig und jedes achte Kind nie sportlich aktiv ist. Nur etwa die Hälfte der Kinder erreicht die als gesundheitsförderlich geltenden 60 Minuten an moderater bis intensiver Bewegung täglich, bei 11-17-jährigen sind es gar nur noch ein Viertel. Bei den Erwachsenen sieht es nicht anders aus.

Nicht zu unterschätzen sind in diesem Zusammenhang auch die immer länger werdenden Sitzzeiten. Eine aktuelle Erhebung hat gezeigt, dass Kinder und Jugendliche an Werktagen 71 % ihrer wachen Zeit im Sitzen verbringen – Zeit, in der der Körper mit einem Minimum an Energie auskommt!

Wir alle wissen, wie schwer das menschliche Verhalten zu verändern ist – umso wichtiger sind Maßnahmen, die bereits im Kindesalter einen bewegten Lebensstil für das ganze Leben ritualisieren. Was man einmal als normal kennengelernt hat, und daran auch noch Freude gefunden hat, das behält man ein Leben lang bei. Das gilt für Alltagsbewegung, wie z.B. den aktiven Weg zur Kita, Schule, Arbeit, genauso wie für alle Arten von Sport. Und auch das Sitzen sollte von Beginn an nicht zur Standardposition werden – jede Aktivität bringt den Kalorienverbrauch hoch! Schon im Stehen verbrennt man die doppelte Menge an Kalorien wie im Sitzen.

Neben einer Strategie zur Stärkung des Kalorienbewusstseins wäre also eine Förderungs- oder Erhöhungsstrategie notwendig und zwar für Bewegung. Intelligente und originelle Ansätze, die einen bewegten Lebensstil in der Gesellschaft „hip“ machen, sind gefragt.

Das beginnt im Kindesalter, zu Hause, in Kita und Schule. Bewegungschancen liegen auch auf allen Wegen vom Schulweg bis zum Weg zur Arbeit – selbst die kurzen Strecken zum Bäcker oder zum Briefkasten und die Treppen anstelle des Aufzugs wirken sich auf die Kalorienbilanz aus. Gassi gehen – gleich ob mit oder ohne Hund – und jede Fahrradstrecke zählen ebenfalls. Und beim Sport kommen der Spaß und das positive Freizeiterlebnis noch dazu.

Die gesundheitsfördernde Wirkung von Bewegung und damit auch die gesundheitspolitische Relevanz von Bewegungsförderung haben dazu geführt, dass 2016 erstmals „Nationale Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung“ veröffentlicht wurden. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/B/Bewegung/Nationale-Empfehlungen-fuer-Bewegung-und-Bewegungsfoerderung-2016.pdf

Nun gilt es nur noch, diese umzusetzen!

 

EXPERTISE: Frau Dr. Lambeck ist promovierte Diplom-Oecotrophologin und seit Frühjahr 2009 Geschäftsführerin der Plattform Ernährung und Bewegung. Zuvor war sie Pressesprecherin am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke (DIfE), bevor sie im Jahr 2000 als Leiterin des Referats Wissenschafts-PR zur CMA wechselte. Knapp zwölf Jahre war sie zudem als ehrenamtliche Vorstandsvorsitzende des Verbands der Oecotrophologen e.V. (VDOE) aktiv. www.pebonline.de