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Vom Zuckerhut zum Zuckertütchen

Zucker sieht nicht immer gleich aus – das ist schon beim Gang durch den Supermarkt zu erkennen. Es gibt Puderzucker, Würfelzucker, Hagelzucker oder Kandiszucker, Zucker in kleinen Päckchen oder großen Vorratspackungen. Jahrhundertelang haben sich Menschen damit beschäftigt, wie sie die richtige Menge Zucker in die Tasse bekommen – mit Erfolg. Ohne ihre Erfindungen wäre unser Leben heute lange nicht so köstlich.

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Der Zuckerhut

Draußen ist es trüb und kalt, aber über der Feuerzangenbowle hängt verlockend der Zuckerhut und wartet darauf, entzündet zu werden. Dann tropft verheißungsvoll der geschmolzene Zucker in die Bowle. Ein Vergnügen, das ohne Zuckerhut gar nicht denkbar wäre. Dabei wurde der Zuckerhut in viel wärmeren Gefilden erfunden. Es waren die Perser, die 600 nach Christus überlegten, wie sie Zucker haltbar machen und über weitere Strecken transportieren konnten.

So gossen sie erhitzten Zuckerrohrsaft in ein nach unten hin trichterförmig zulaufendes Gefäß mit einem Loch an der Spitze. Durch dieses konnte die Feuchtigkeit ablaufen, während im Gefäß der Zucker zu Kristallen trocknete. Dann musste man den Kegel einfach nur noch umdrehen – und heraus kam ein Zuckerhut.

Zucker in Würfelform

Zuckerhüte waren jahrhundertelang die Form, in der Zucker getrocknet und transportiert wurde. Doch sie waren sehr hart. Der Zucker musste mit einem Zuckerhämmerchen abgeschlagen oder mit einer Zuckerzange herausgebrochen werden. Dieses „Abschürfen“ lief nicht immer unfallfrei ab. Auch die Hausfrau Juliane Rad verletzte sich gelegentlich bei dieser Tätigkeit. Doch ihr Mann war Leiter einer Zuckerfabrik – und er hatte 1841 eine Idee: Er baute eine Form aus Blechstreifen, die einer heutigen Eiswürfelschale ähnelte. Dann ließ er einen Zuckerhut kleinraspeln und füllte die angefeuchteten Stückchen in die Form. Nach dem Trocknen hatte er den ersten Würfelzucker. Überlieferungen zufolge schenkte Jacob Christoph Rad seiner Frau aus seiner ersten Produktion 150 weiße und 150 rote Stück Würfelzucker – Letztere im Gedanken daran, dass sie sich zum Zuckern nie mehr blutige Finger holen musste.

Der Belgier Théophile Adant entwickelte um 1900 eine alternative Methode: Er stellte Platten aus Zucker her und zersägte sie in Würfel. Dies blieb bis in die 1940er Jahre der Standard. Erst nach 1949 wurde eine verbesserte Maschine erfunden, die Zuckerkristalle in Würfel presste. Diese Praxis setzte sich bis heute durch.

Am Anfang harte Arbeit: Zuckerstreuer

War es schon anstrengend, den Zuckerhut in einzelne Stücke zu zerteilen, war das Befüllen von Zuckerstreuern noch weit aufwändiger. Um die reich verzierten Zuckerstreuer zu füllen, wurden Zuckerstücke in Zuckermühlen pulverisiert oder mit dem Mörser zerstoßen. Die damaligen Exemplare ähnelten heutigen Salzstreuern, die vielen kleinen Auslassöffnungen verstopften leicht. Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte der Österreicher Johann Christian Waykarth eine einfachere Methode:

Der angereicherte Zuckerdicksaft wurde in einen Leinensack gefüllt und mehrfach ausgepresst. Der verbleibende feuchte Zucker wurde getrocknet und konnte so direkt gestreut werden. Mit der Erfindung der Zentrifugenmethode gegen 1850 konnte der Sirup direkt von den Zuckerkristallen abgeschleudert werden und es entstand rieselfähiger Zucker. Zuckerstreuer waren eher in Frankreich und Großbritannien verbreitet, in Deutschland waren anfangs Zuckerdosen beliebter.

Kandis als Stick

Weißer Kandis erinnert an ungeschliffene Diamanten, brauner Kandis an Bernstein. Kandiszucker entsteht, wenn eine reine Zuckerlösung langsam über drei bis vier Monate auskristallisiert. Bei braunem Kandis wird karamellisierter Zucker hinzugefügt. Bis 1960 war der Fadenkandis die klassische Herstellungsmethode: Die Zuckerlösung war mit Fäden durchzogen, an denen der Zucker nach und nach kristallisierte. Kandiszucker ist seit dem 9. Jahrhundert bekannt. Die praktischen Kandissticks, die wir heute für Tee nutzen, wurden damals durch Zufall entdeckt: Ein Arbeiter vergaß den Rührstab im Eimer. Der Zucker kristallisierte daran – und fertig war der erste Kandisstick der Welt. Im Laufe der Zeit gelangten Kandissticks über die Kolonien nach England, wo sie zum beliebten Begleiter des Tees wurden. Dann dauerte es nicht mehr lange, bis auch andere Länder diese handliche Zuckerform für sich entdeckten.

Zu schade zum Aufreißen: Zuckertütchen

Kennen Sie auch jemanden in Ihrem Bekanntenkreis, der Zuckertütchen aus aller Herren Länder sammelt? Und haben Sie nicht selbst schon mal ein Zuckertütchen mit einem besonders hübschen Motiv oder einem ausgefallenen Cafénamen als Andenken mitgenommen? Die ersten Zuckertütchen gab es 1957 in den USA – wieder auf die Idee einer Ehefrau hin. Benjamin Eisenstadt stellte eigentlich Teebeutel her – und seine Frau schlug vor, den Zucker zum Tee ebenfalls hygienisch in einer Tüte zu verpacken.

Zu seinem Unglück meldete Eisenstadt kein Patent auf die Erfindung an – sie wurde von vielen Konkurrenten übernommen. Mitte der 60er Jahre war der so portionierte Zucker in Deutschland bereits sehr verbreitet, weil er mit modernen Maschinen günstiger als Würfelzucker hergestellt werden konnte. Inzwischen gibt es die Tütchen in allen möglichen Varianten: als Pyramiden, oval, mit Fotos oder als schmale Sticks. Und solange es Zuckertütchen gibt, wird es auch begeisterte Sammler geben. Die dreimalige Guinness-Rekordhalterin kommt übrigens aus Deutschland: 2012 verfügte sie über fast 400.000 Zuckertütchen aus 147 Ländern.