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Süßer Sündenbock

Mit klaren Worten gegen den aktuellen Trend zur Dämonisierung von Zucker bezieht Günter Tissen, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker e.V., in der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) vom 16.08.2016 Stellung. Den vollständigen Beitrag finden Sie hier:

Man glaubt, ihn gefunden zu haben: den Bösewicht, den Allein-Schuldigen, um den sich schon Verschwörungstheorien ranken. Über 200 Jahre lang soll er unbemerkt in deutschen Küchen sein Unheil getrieben haben, doch jetzt ist er durchschaut. Und er wird an den Pranger gestellt: Zucker. Es ist genauso einfach wie populär, einen Sündenbock auszuwählen, ihm die Schuld zu übertragen und ihn dann in die Wüste zu schicken – Problem gelöst, „business as usual“. Doch so einfach ist die Sache nicht.

Viele Menschen haben Übergewicht. Darüber herrscht Einigkeit. Zu viele Extra-Kilos gelten als Risikofaktor für Zivilisationskrankheiten. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen deshalb nach Lösungen suchen: Aber – eines wird schnell deutlich – im Kampf gegen Übergewicht gibt es keinen einfachen Weg.

Konzentrieren wir uns auf die wichtigste Frage: Wie lässt sich Übergewicht wirksam vorbeugen? Laut werden die Rufe, Zucker in Lebensmitteln zu reduzieren oder gar eine Zuckersteuer einzuführen. Das hört sich zunächst gut an. Doch einer genauen Prüfung halten diese scheinbaren Lösungen nicht stand: Weder eine „Strafsteuer auf Zucker“ noch „weniger Zucker in Lebensmitteln“ machen Menschen schlank.

Letztlich ist jeder Einzelne gefordert. Denn Übergewicht ist die Folge einer unausgeglichenen Energiebilanz. Wer mehr isst, als er verbrennt, nimmt zu. Dabei ist es im Grundsatz einerlei, wie die Kalorien verbraucht werden und woher die aufgenommenen Kalorien kommen. Was zählt, ist das Gleichgewicht, die Balance zwischen Kalorienaufnahme und -verbrauch. Das ist vielleicht keine angenehme Erkenntnis, dafür aber die schlichte Wahrheit.

Die Deutschen nehmen heute nachweislich nicht mehr Kalorien auf als früher. Aber sie verbrauchen weniger, weil sie sich weniger bewegen. Geradezu erschreckend ist, wie viele Stunden wir im Berufsleben sitzen. Hinzu kommt die immense Zeit, die wir vor dem Fernseher oder am Computer, im Auto oder auf der Couch verbringen. Wenn dann die Ernährung nicht angepasst wird, gerät die Energiebilanz aus dem Lot – der Mensch nimmt zu. Und zwar ganz unabhängig davon, ob er zuckerhaltige Lebensmittel isst oder nicht. Die Fokussierung auf eine einzelne Zutat – wie Zucker – verschleiert nur das Problem, anstatt es zu lösen.

Zucker kommt nicht nur wegen seiner Süße zum Einsatz. Er hat Einfluss auf Volumen und Textur von Lebensmitteln, er verlängert ihre Haltbarkeit und bringt viele Aromen erst zur vollen Entfaltung. Wer Zucker reduziert, muss ihn gerade in festen Lebensmitteln durch andere Stoffe ersetzen, die in der Regel genauso viele oder mehr Kalorien liefern.

Wer mal einen Blick auf die Nährwerttabelle bei Frühstückscerealien wirft, stellt schnell fest, dass zuckerreduzierte Varianten meist genauso viele Kalorien liefern wie die herkömmlichen Produkte. Das Gleiche gilt für Kakaopulver oder Kekse. Den Verbrauchern ist das allerdings kaum bewusst, wie eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstitutes Innofact vom Dezember 2015 bestätigt. Die große Mehrheit derer, die zuckerreduzierte oder zuckerfreie Produkte kaufen, glaubt, dass sie damit Kalorien sparen kann. Und mehr als die Hälfte der Befragten glaubt sogar, dass sie von solchen Lebensmitteln guten Gewissens mehr essen kann, ohne davon dick zu werden.

Eine Zuckersteuer wird uns im Kampf gegen Übergewicht nicht weiterhelfen. Auch europaweit vorgeschriebene Einheitsrezepturen helfen nicht. Letztendlich geht es um die Verantwortung eines jeden Einzelnen. Denn es gibt nicht die eine Ernährungsweise, die für alle Menschen die richtige ist. Die Entscheidung, was richtig und was falsch ist, müssen wir schon den Verbrauchern überlassen. Politik darf nicht in die individuellen Lebensverhältnisse der Bürger eingreifen, indem sie durch eine Steuer vorschreibt, was schmecken darf und was nicht. Stattdessen sollte sie sich auf Orientierungshilfen beschränken und Menschen dabei unterstützen, eigene, bewusste Entscheidungen zu treffen.

Wir müssen deshalb für die Bedeutung der persönlichen Energiebilanz sensibilisieren. Das ist mühsam und langwierig, es kostet Energie, Zeit und Geld. Aber es ist der richtige Weg. Weil er die tatsächlichen Ursachen an der Wurzel packt. Wir dürfen keine Scheinlösungen präsentieren. Wir müssen mit den Menschen über den Zusammenhang zwischen ihrer persönlichen Energiebilanz und dem eigenen Körpergewicht sprechen. Wir müssen ihnen zeigen, wie sie ihre Ernährung vielfältig und ausgewogen gestalten und schon mit kleinen Veränderungen mehr Bewegung in ihren Alltag bringen können. Mit unserer Initiative SCHMECKT RICHTIG! haben wir damit bereits begonnen.

Quelle: Dieser Artikel erschien am 16.08.2016 in der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.