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Prävalenz und zeitliche Entwicklung des diagnostizierten Diabetes mellitus

Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1)


Heidemann C., Du Y., Schubert I., Rathmann W., Scheidt-Nave C.: Prävalenz und zeitliche Entwicklung des bekannten Diabetes mellitus – Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1). Bundesgesundheitsblatt 2013; 56(5/6), S. 668–677.


Ergebnisse des Gesundheitsmonitorings des Robert Koch-Instituts ergaben, dass bei mindestens 4,6 Millionen der 18- bis 79-Jährigen in Deutschland jemals ein Diabetes mellitus diagnostiziert wurde. Innerhalb einer Dekade ist die Prävalenz um 38 % gestiegen, wobei etwa ein Drittel auf die demografische Alterung der Bevölkerung zurückzuführen ist. Insbesondere Menschen über 50 Jahre und Personen mit einem niedrigen sozioökonomischen Status sind betroffen.

Beim Diabetes mellitus liegt infolge eines absoluten oder relativen Insulinmangels eine erhöhte Blutglukosekonzentration vor. Der Typ-1-Diabetes mit absolutem Insulinmangel durch autoimmun bedingte Zerstörung der insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse manifestiert sich in der Regel schon im Kindes- und Jugendalter, während der relative Insulinmangel beim Typ-2-Diabetes vorwiegend bei Erwachsenen auftritt. Beim Typ-2-Diabetes liegt eine verminderte Insulinwirkung vor, die durch eine verstärkte Sekretion nur unzureichend kompensiert wird. Neben einer genetischen Prädisposition gelten eine westlich geprägte Ernährungsweise und Bewegungsmangel als wichtige Risikofaktoren. Im Verlauf der chronischen Erkrankung können Schädigungen der Blutgefäße und peripheren Nerven eintreten, die ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Krankheiten sowie Nierenversagen, Erblindung und Fußamputationen mit sich bringen. Neben der verminderten Lebensqualität und Lebenserwartung entstehen hohe Kosten für das Gesundheitssystem.

Da umfassende aktuelle deutsche Untersuchungen zur Einschätzung der Prävalenz des Diabetes mellitus fehlen, wurden in dieser Studie die Lebenszeitprävalenz des diagnostizierten Diabetes für deutsche Einwohner im Alter von 18 bis 79 Jahre sowie deren zeitliche Entwicklung im Vergleich zu einer Studie aus den Jahren 1997 bis 1999 analysiert.

In den Jahren 2008 bis 2011 fand die erste Erhebung der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) statt. Es handelt sich um eine gemischte Studie des Robert Koch-Instituts, die 8152 Personen im Alter von 18 bis 79 Jahren umfasste, von denen 3959 schon an dem „Bundesgesundheitssurvey“ 1998 (BGS98) teilgenommen hatten, so dass Querschnittsanalysen und Trendaussagen im Vergleich zu dem BGS98 möglich waren.

Die Studienteilnehmer nahmen an Befragungen, Untersuchungen und Tests teil, die neben der Erhebung demografischer Merkmale der Ermittlung des sozioökonomischen Status dienten.

Die Lebenszeitprävalenz des bekannten Diabetes mellitus wurde erfasst, indem die Probanden befragt wurden, ob jemals ein Arzt einen Diabetes festgestellt hat und/oder Antidiabetika eingenommen werden. Die Anteile von Typ-1- oder Schwangerschaftsdiabetes wurden aufgrund weiterer Parameter wie Alter oder vorliegender Schwangerschaft bei Diagnosestellung und Therapiemaßnahmen geschätzt.

Die statistische Auswertung umfasste Schätzungen zur Lebenszeitprävalenz sowie Trend- und Querschnittsanalysen unter Berücksichtigung von Stratifizierungsvariablen wie Alter, Geschlecht, Sozialstatus, Wohnregion und Krankenversicherung.

Von 7080 einbezogenen Teilnehmenden gaben 591 einen jemals diagnostizierten Diabetes an, die Lebenszeitprävalenz betrug demnach 7,2 % (weiblich 7,4 % / männlich 7,0 %). Mit steigendem Alter nahm die Prävalenz von 5 % bei den unter 50-Jährigen bis auf ca. 22 % bei den 70- bis 79-Jährigen deutlich zu. Die ermittelte Prävalenz des Typ-1-Diabetes betrug 0,1 % (n = 8), der des Schwangerschaftsdiabetes 1,2 % (n = 42). Für Personen mit niedrigem sozialen Status wurden signifikant höhere Lebenszeitprävalenzen beobachtet, wobei der Unterschied bei Frauen stärker ausgeprägt war als bei Männern, auch für Frauen mit mittlerem sozialen Status wurden höhere Prävalenzen ermittelt. Für die Wohnregion zeigten sich ebenfalls Unterschiede: In den neuen Bundesländern waren die Prävalenzen tendenziell höher, wiederum mit deutlicherer Ausprägung bei Frauen. Unter den gesetzlich krankenversicherten Probanden betrug die Lebenszeitprävalenz 7,5 %, bei den Privatversicherten nur 3,8 %.

Im Vergleich zu den Daten aus dem Bundesgesundheitssurvey 1998 hat die Prävalenz absolut um 2,0 % und relativ um 38 % zugenommen. Nach Berücksichtigung der demografischen Altersstruktur beträgt dieser Wert noch absolut 1,4 % und relativ 24 %. Etwa ein Drittel ist somit auf die demografische Alterung der Bevölkerung zurückzuführen.

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