Menü

Suche

Meilensteine der Rübenernte

1900_2

Um 1900

Trotz zunehmenden Wohlstands öffnet sich die soziale Schere, die Einkommensunterschiede sind sehr groß. Die Menschen zieht es zunehmend in die Städte, denn das Leben auf dem Land ist hart. Wer Felder bestellt, muss stark sein, zäh, bei Wind und Wetter einsatzbereit.
Nur wer die körperlichen Voraussetzungen mitbringt, kann mit den schweren Grabgabeln die einzelnen Zuckerrüben aus dem Boden heben, mit dem oft stumpfen Köpfmesser von der Erde befreien und danach per Hand köpfen. Ein ständiges Bücken ist vonnöten – beim Heben der Rüben oder beim Sammeln der Rübenblätter. Nur beim Abtransport werden Pferde- und Ochsenkarren eingesetzt.

1920_2

Um 1920

Die Welt befindet sich im Aufschwung: Kunst, Kultur und Wirtschaft erblühen in den Goldenen Zwanzigern. Frauen erobern neue Berufsfelder – auch auf dem Zuckerrübenfeld. Erleichterung bei der schweren Arbeit bringt ihnen die Kopfschippe: Diese kleine Schaufel mit scharfer Schneidkante kehrt den bisherigen Ernteprozess um: Sie entfernt zunächst die Blätter, während die Rübe noch im Boden steckt. Anschließend wird der sogenannte Rodepflug eingesetzt – ein Eisenpflug mit großen Rädern, der von Ochsen oder Pferden gezogen wird. Er pflügt die Zuckerrüben Reihe für Reihe aus dem Boden.

1940_2

Um 1940

In den 1940er Jahren tobt in Deutschland der Zweite Weltkrieg. Die deutschen Städte stehen unter Beschuss. Viele Menschen fliehen von der Stadt aufs Land und suchen dort bei den Bauern Arbeit. Dank neuen Arbeitsweisen wie dem Pommritzer Verfahren ist die Arbeit auf dem Zuckerrübenfeld inzwischen deutlich leichter als noch 20 Jahre zuvor. Inzwischen ziehen Pferde einen Köpfschlitten, der rechts und links die Rübenblätter abschneidet.

Zwei mechanische Taster führen die Messer in die richtige Höhe. Anschließend pflügt ein Zinkenpflug die Rüben aus der Erde. Alternativ gibt es den Schleuderradroder: Mit seiner Rüberodegabel hebt er die Rüben aus der Erde und wirft sie durch sein Schaufelrad, das quer zur Ackerfurche steht, seitlich ab. Dabei wird die Rübe von einem Teil der Erde befreit. Zusätzlich wird die Arbeit durch den Einsatz von Traktoren erleichtert.

1945_2

Um 1945

14 Millionen Deutsche verlassen Ende 1944 ihre Heimat, werden deportiert oder in die Flucht geschlagen. Flüchtlingsströme drängen aus den ehemaligen deutschen Gebieten in den Westen. Auch die Landwirtschaft verändert sich. Die Zahl der Höfe sinkt stark, ebenso die Zahl der Beschäftigten. Die wenigen Höfe, die bestehen bleiben, wachsen um ein Vielfaches. Es gibt viele Betriebshelfer, die auf dem Feld und im Stall helfen. Unterstützt werden sie dabei von einer neu entwickelten Maschine, die das Ernten erleichtert. Sie trennt Rübenblätter exakt ab, rodet die Zuckerrüben und legt beides getrennt auf dem Acker ab. Die Rede ist vom ersten Prototyp eines Vollrübenroders. Wichtigstes Element: Ein mit Zinken bestücktes Rad, das die Rübenkopfhöhe ertastet und das Blatt passend abtrennt. Übrigens: Die Idee zu dieser Maschine hatte Landwirt Otto Wilke aus Niedersachsen schon 1927.

1955_2

Um 1955

Das Wirtschaftswunder macht auch vor den ländlichen Regionen nicht halt. Die Konkurrenz wächst: Wer Landwirt bleiben will, muss modernisieren. Weiter entwickelt wird auch die Technik des Rübenroders. So wird zum Beispiel der Schlegler erfunden. Er trennt die Blätter ab, während ein Nachköpfer nur noch für die Köpfe der Rüben zuständig ist.

Zudem wird die Reinigung der Rüben verbessert; inzwischen können sogar drei Reihen gleichzeitig geerntet werden. Der große Durchbruch kommt etwa 1955 mit dem Köpfrodebunker: Er köpft, rodet und erntet die Zuckerrüben in einem Arbeitsgang und lagert sie in seinem Bunker. Einziger Nachteil: Der Köpfrodebunker benötigt einen eigenen Maschinisten zusätzlich zum Traktorfahrer.

1972_2

Um 1972

In den 1970er Jahren sind die Menschen im Aufbruch. Sie politisieren und engagieren sich – Frauenrechte, Ostpolitik und Umweltprobleme werden thematisiert. Die Landwirtschaft erreicht derweil den ersten Höhepunkt ihrer Produktivität – auch im Zuckerrübenanbau. Technischen Neuerungen wie dem sechsreihigen Köpfrodebunker sei Dank. Ab 1972 werden sechs Reihen auf einen Schlag geerntet. 1974 geben Zuckerhersteller den Auftrag zur Entwicklung eines verbesserten sechsreihigen Köpfrodebunkers. Mit größeren Rädern und erhöhter Motorleistung kann die Maschine bereits 300 Hektar pro Saison ernten.

heute_2

Heute

Im neuen Jahrtausend sind Schlagworte wie Nachhaltigkeit, Umwelt und gesunde Ernährung von wachsender Bedeutung. Zwar leben immer weniger Menschen auf dem Land, doch die Nachfrage nach regional erzeugten Produkten ist ungebrochen. Weil weniger Bauern immer größere Flächen bestellen, sind effiziente Erntemethoden wie der zwölfreihige Zuckerrübenvollernter umso wichtiger.

Sein Bunker fasst 33 Tonnen Rüben und ist innerhalb von einer Minute entladen. Inzwischen hat auch die Elektronik bei der Zuckerrübenernte Einzug gehalten: Die Reihen werden automatisch gesucht, die Tiefe reguliert, die Köpfstärke ist verstellbar. Mit 14 Metern Länge und vier Metern Höhe gehören die Rübenroder inzwischen zu den größten Maschinen auf dem Feld.