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Garn aus Zucker

War Kleidung früher aus Baumwolle oder Seide, beherrschen heute Kunstfasern wie Polyester, Elastan oder Viskose die Modewelt. Doch der Verbrauch nicht-erneuerbarer Ressourcen und die Verwendung umweltschädlicher Chemikalien werden schon länger kritisiert. Hier setzt die Idee von Marius Jung an: Eine nachhaltig hergestellte Faser könnte die Textilindustrie revolutionieren.

 

zucker-garn-anleitung

Zucker, Hefe und grüner Tee

Der Student hat das Problem aus erster Hand kennen gelernt: „Ich habe unmittelbar vor diesem Semester ein Praktikum in der Textilbranche absolviert und wurde dort auf die Problematik aufmerksam, welcher sich die Textilindustrie in der Zukunft stellen muss. Nachhaltigkeit wird in Zukunft eine enorme Rolle in der Branche spielen.“

Die Inspiration kam ihm, als er bei Recherchen auf eine Designerin aus London stieß, die biologische Materialien für Kleidung züchtet. Ihrer Forschung entnahm er die Ausgangsstoffe: Zucker, grüner Tee, etwas Essig und eine Kombucha-Hefekultur. In Gesprächen mit einem befreundeten Biotechnologen sammelte er Informationen, welche Möglichkeiten es für Textilien auf Zuckerbasis gibt.

Nun begann der spannende Teil: Wie wird aus der ungewöhnlichen Mischung ein fester Stoff? Die größte Herausforderung für Marius Jung war die Zeit: „Ich konnte meinen Entwurf nicht in der Werkstatt herstellen, sondern musste die Kultur in einem kleinen Labor züchten, ohne zu wissen, ob und wann ich zu einem Ergebnis komme.“ Hefen sind Lebewesen – und sie wachsen nicht auf Knopfdruck.

Von der Mischung zum Biomaterial

Marius Jung erinnert sich an die arbeitsintensive erste Phase: „Das Heranzüchten des Materials war ein sehr spannender Prozess, welcher täglich neue Überraschungen mit sich brachte. Ich bin mit den Gedanken an das Zucker-Garn aufgestanden und mit demselben auch wieder ins Bett gegangen.“

Wie viel Zucker und wie viel Essig brauchen die Hefen zum Wachsen? Nachdem die richtige Mischung gefunden war, kam die Kultur an einen warmen Ort. Die Hefen vergären den Zucker, dabei entsteht mikrobielle Zellulose – vergleichbar mit dem Material, aus dem auch Baumwolle besteht. Nach etwa zwölf Tagen ließ sich eine Matte aus der Flüssigkeit heben. Und nach dem Trocknen auf unbehandelten Holzplatten blieb eine dünne Schicht übrig – die Basis für ein Zucker-Garn.

Schon hier stellte sich eine der großen Stärken des neuen Materials heraus: Die Produktion lief unkomplizierter als gedacht. „Es waren nicht sonderlich viele Versuche nötig, um das Material heranzuzüchten. Ich musste jedoch geduldig sein, da es nicht über Nacht fertig ist, sondern vielmehr einige Tage braucht, um zu wachsen.“ Auch die Färbung war erstaunlich einfach: „Durch die Zugabe von Gemüse- oder Fruchtsäften, wie beispielsweise Rote-Bete-Saft oder Blaubeersaft, wuchs die Farbe regelrecht mit in das Material ein.“

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Der nächste Schritt

Marius Jung zieht ein positives Resümee aus dem Projekt: „Ich bin sehr überrascht darüber, was in dieser kurzen Zeit entstanden ist. Ich freue mich darüber, mit den einfachsten Mitteln etwas erzeugt zu haben, was zumindest bei mir auf große Hoffnung stößt.“ Für seinen Beweis, dass sich die Basis für nachhaltige Kleidung aus einfachen Zutaten herstellen lässt, bekam er den Innovations-Preis.

Nun müssen weitere Fragen geklärt werden: Wie lässt sich das Material in größeren Mengen herstellen? Und wie lässt sich aus der Substanz ein Faden spinnen? Der Industriedesigner denkt sogar noch weiter: „Der nächste Schritt in meinem System wäre die Eigenschaftsoptimierung des Materials mit der Auswahl bestimmter Enzyme. Erst wenn das Material die optimalen Eigenschaften aufweist, kann es in die bestehende Textilindustrie eingeführt werden. Letztendlich verändert man nur das Ausgangsmaterial und nicht die bestehenden Maschinen in der Textilindustrie.“