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Grenzen von Beobachtungsstudien: Auswirkungen auf evidenzbasierte Ernährungsempfehlungen

Maki KC, Slavin JL, Rains TM, Kris-Etherton PM: Limitations of observational evidence: implications for evidence-based dietary recommendations.

Offizielle Ernährungsempfehlungen beruhen auf der Auswertung wissenschaftlicher Belege, die strengen Kriterien unterliegt. Nach den Prinzipien der evidenzbasierten Medizin stellen Meta-Analysen, systematische Reviews und randomisierte klinische Studien die am besten geeigneten Grundlagen dar. Da auf dem Gebiet der Ernährung randomisierte klinische Studien häufig fehlen, wird oft auf prospektive Kohortenstudien und andere beobachtende Untersuchungen zurückgegriffen. Die Aussagekraft solcher Studiendesigns ist jedoch begrenzt und sollte als Grundlage für die Erarbeitung allgemeiner Empfehlungen sehr sorgfältig geprüft werden.

Die Erarbeitung von gesundheitsfördernden Ernährungsrichtlinien aufgrund von wissenschaftlichen Ergebnissen ist schwierig. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass in vielen Ländern unterschiedliche Richtlinien für die Aufnahme von Nährstoffen existieren. Z.B. wird in den USA empfohlen, die Aufnahme von Cholesterin zu begrenzen, während viele andere Nationen diesbezüglich keine Empfehlung mehr aussprechen. Für viele Beziehungen zwischen der Ernährungsweise und dem Auftreten bestimmter Krankheiten gibt es kaum Belege aus randomisierten klinischen Studien, da geeignete Kontrollgruppen fehlen oder sich aus ethischen Gründen verbieten. Auch entwickeln sich viele ernährungsbedingte Krankheiten über sehr lange Zeitspannen. Aus diesen Gründen werden häufig beobachtende Studien als Grundlage verwendet, deren Aussagekraft jedoch limitiert ist: Zufall, fehlende Erwartungstreue und Störfaktoren müssen immer als Erklärung für einen beobachteten Zusammenhang in Betracht gezogen werden.

Messfehler spielen bei Datenerhebungen für Ernährungsstudien eine große Rolle, da es schwierig ist, die Nahrungsaufnahme genau zu ermitteln. So ist der systematische Fehler durch zu geringe Angaben von Studienteilnehmern bei bestimmten Lebensmitteln vor allem bei hohem BMI ein bekanntes Phänomen. Weitere Probleme stellen beispielsweise Änderungen des Essverhaltens im Lauf der Zeit oder die Veränderungen der Zusammensetzung von Produkten durch die Industrie aus Kosten- oder Werbegründen dar. Des weiteren treten Nährstoffe in bestimmten Produkten häufig vergesellschaftet auf, wie z.B. Magnesium und B-Vitamine in ballaststoffreichen Nahrungsmitteln. Diese (Multi-)Kollinearität erschwert die Aussage, welcher der Nährstoffe zu einem bestimmten Effekt führte. Auch der Konsum bestimmter Nahrungsmittel zu Studienzwecken muss mit Vorsicht betrachtet werden, da eine höhere Energieaufnahme oder Substitutionseffekte eintreten können. Bei der Auswahl und Gruppierung der Studienteilnehmer können Verzerrungen auftreten, da der Konsum bestimmter Lebensmittel wie beispielsweise Fleisch mit einer allgemein anderen Lebensweise einhergehen kann im Vergleich zu Personen, die diese Nahrungsmittel meiden.      Störvariablen für die Messung des Zusammenhangs zwischen der Nahrungswahl und ernährungsbedingten Krankheiten sind häufig nicht oder nur unzureichend messbar. Darüber hinaus spielen individuelle Unterschiede eine große Rolle, so können genetische Unterschiede zu unterschiedlichen Suszeptibilitäten führen. Die meisten beobachteten Zusammenhänge zwischen der Ernährung und dem Auftreten bestimmter Krankheiten sind nur mäßig stark ausgeprägt, je geringer der Effekt ausfällt, umso mehr wächst jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass alternative Faktoren oder Verzerrungen zu dem Resultat geführt haben könnten.

Um Rückschlüsse auf eine Kausalität ziehen zu können, müssen klinische Studien neben starken und konsistenten Zusammenhängen Dosisabhängigkeit, biologische Plausibilität und Übereinstimmung mit Ergebnissen anderer Untersuchungen zeigen. Um ernährungsbedingte Auswirkungen zu belegen, sind diese Kriterien häufig schwer zu erfüllen, da die Ergebnisse durch individuelle Unterschiede der Probanden, geringe Effekte und kurze Zeitspannen häufig negativ ausfallen, selbst wenn die zugrundeliegende Hypothese zutrifft. Deshalb sollten Ergebnisse aus beobachtenden und klinischen Studien bei der Durchführung von Meta-Analysen getrennt betrachtet werden.

Im Zuge der Formulierung von Ernährungsempfehlungen müssen negative Begleiterscheinungen stärker als zuvor mit bedacht werden. Auch sollten verstärkt klinische Studien durchgeführt werden, um die durch die Empfehlungen erzielten Änderungen des Ernährungsverhaltens zu überprüfen.

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