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Eine präzise Risikoeinstufung für die Vorhersage eines Typ-2-Diabetes durch anthropometrische, diätetische und Lifestyle-Faktoren


Schulze M.B., Hoffmann K., Boeing H., Linseisen J., Rohrmann S., Möhlig M., Pfeiffer A.F., Spranger J., Thamer C., Häring H.U., Fritsche A., Joost H.G.: An accurate risk score based on anthropometric, dietary, and lifestyle factors to predict the development of type 2 diabetes. Diabetes Care 2007; 30(3), S. 510–515.


Der durch die Autoren dieser Studie etablierte Deutsche Diabetes Risiko Score erlaubt präzise Fünf-Jahres-Vorhersagen für die Wahrscheinlichkeit der Entstehung eines Typ-2-Diabetes. Er könnte ein wertvolles Instrument für die Identifizierung von Personen darstellen, die ein hohes persönliches Risiko für die Erkrankung haben und von Ernährungsumstellungen und Lebensstiländerungen profitieren würden.

Viele klinische Studien belegen, dass das Auftreten eines Typ-2-Diabetes durch eine geeig­nete Ernährung und einen aktiven Lebensstil weitgehend vermieden werden kann. Für eine effektive Prävention bei Menschen mit hohem individuellem Risiko ist eine präzise Vorhersa­ge mit Hilfe von Faktoren, die nichtinvasiv messbar sind, wünschenswert. Bisherige Versu­che, prognostische Modelle zu etablieren, scheiterten an geringer Validität oder dem Fehlen wichtiger Risikofaktoren.

Vor diesem Hintergrund wurde in dieser Studie aus bekannten anthropometrischen Risikofaktoren sowie Merkmalen der Ernährung und des Lebensstils ein Modell für die Berechnung eines individuellen Risikowertes ermittelt und anhand der Ergebnisse aus drei weiteren deutschen Studien evaluiert.

Im Rahmen der „European Prospective Investigation into Cancer and Nutritition (EPIC)-Potsdam Study“ wurden von 1994 bis 1998 27.548 Personen untersucht (16.644 Frauen vor­wiegend im Alter von 35 bis 65 Jahren, 10.904 Männer vorwiegend im Alter von 40 bis 65 Jahren). Neben anthropometrischen Messungen fanden persönliche Befragungen statt, zudem wurden Fragebögen zur physikalischen Aktivität, vorliegenden Erkrankungen, soziodemografischen Merkmalen und dem persönlichen Lebensstil (u. a. Raucherstatus) beantwortet. Durch semiquantitative Ernährungsprotokolle wurden Häufigkeit und Menge verzehrter Lebensmittel, darunter Alkohol, ermittelt. Alle zwei bis drei Jahre wurden erneut Befragungen durchgeführt. Die Inzidenz des Diabetes wurde im August 2005 anhand der Angabe einer Diabetes-Diagnose, einer entsprechenden Medikation oder Diät zur Behandlung eines Diabetes durch die Probanden bestimmt.

Bis zur endgültigen Analyse verblieben 9.729 Männer und 15.438 Frauen durchschnittlich sieben Jahre lang in der Studie. In dieser Zeit wurden 849 neu auftretende Diabeteserkrankungen beobachtet.

Mit Hilfe von Cox-Regressionsmodellen wurde die Wahrscheinlichkeit eines innerhalb von fünf Jahren auftretenden Diabetes geschätzt. Regressionskoeffizienten aus dem Modell wur­den genutzt, um jedem Merkmal einen Risikowert zuzuordnen, deren Summe den Deut­schen Diabetes Risiko Score bildet. Der prognostische Wert des Deutschen Diabetes Risiko Score wurde durch Analyse von Grenzwertoptimierungskurven (ROC-Analysen) und der Berechnung der Fläche unter den Kurven (AUC) mit Hilfe dreier weiterer Studien evaluiert:

der EPIC-Heidelberg Studie (23.398 Teilnehmer, ähnliches Design wie die EPIC-Potsdam-Studie)
der Tübingen Family Study for Type-2-Diabetes (TÜF, ca. 1.500 Teilnehmer)
der Metabolic Syndrome Berlin Potsdam Study (MeSyBePo, 1.284 Teilnehmer).
Die Definition eines Cox-Regressionsmodells aus den Daten der EPIC-Potsdam Studie er­folgte mit den Variablen Taillenumfang, Körpergröße, Alter, Bluthochdruck, dem Konsum von rotem Fleisch, Vollkornbrot, Kaffee und Alkohol sowie physikalischer Aktivität und Raucherstatus (ehemals oder aktiv). Schätzungen der Diabeteswahrscheinlichkeit aus diesem Modell stimmten mit der tatsächlichen beobachteten Inzidenz gut überein (AUC 0,84).

Der Vergleich mit der unabhängigen Kohorte der EPIC-Heidelberg Studie zeigte, dass die dort beobachtete Inzidenz innerhalb des vorhergesagten Bereiches lag. Die Sensitivität für einen Deutschen Diabetes Risiko Score von ≥ 500 Punkten betrug 94,4 % und die Spezifität 66,7 % (AUC 0,82). Die TÜF- und MeSyBePo-Studie beinhalteten jeweils einen oralen Glukosetoleranztest mit Ermittlung der Insulinsensitivität und einem Dispositionsindex. Die Korrelationskoeffizienten des Deutschen Diabetes Risiko Score mit diesen beiden Parametern betrugen dafür in der TÜF-Studie -0,56 bzw. -0,44 und in der MeSyBePo-Studie -0,45 bzw. -0,36. Die Sensitivität für einen Deutschen Diabetes Risiko Score von ≥ 500 Punkten betrug in der TÜF-Studie 82,8 % und die Spezifität 72,2 % (AUC 0,83) und in der MeSyBePo-Studie 93,9 und 42,6 % (AUC 0,75). Zusammenfassend kommen die Autoren der Studie zu dem Schluss, dass der Deutsche Diabetes Risiko Score aus nachgewiesenen Risikofaktoren ein genaues Instrument darstellt, um Individuen mit einem hohen Risiko für die Entstehung von Diabetes mellitus Typ 2 zu identifizieren.

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